Hungener Radfahrer beim Ötztal-Radmarathon
Carsten Beinecke vertrat die Farben des RV-Germania 1912 e.V. Hungen
(cb) Der Ötztaler Radmarathon! Viele träumen davon, nicht alle haben das Glück, eine der 4.000 Startlizenzen zu ergattern, die im Internet nach 4 Stunden ausverkauft waren. Der Ötztaler hat 228 km Länge und beeindruckende 5.500 Höhenmeter. Das sind alle in Steigungen überwundenen Höhenmeter zusammengefasst. Beim Ötztaler sind das vor allem 4 starke Anstiege: Kühtai, Brenner (das ist der halbe Anstieg), Jaufenpass und Timmelsjoch.
Mein Ziel war unter 9 Stunden zu fahren. Daraus ist leider nichts geworden. Wie es dazu kam, steht weiter unten. An meiner Vorbereitung sollte es nicht gelegen haben. Ich habe in diesem Jahr bereits 13.000 km in den Beinen. Montiert hatte ich hinten extra noch ein 27er Ritzel. Damit wäre ich dann mit 39x27 auf der sicheren Seite.
Freitags bin ich mit Kurt ein bisschen durch die Gegend von Innsbruck geradelt. Ich habe ihm anschließend drei Trinkflaschen gegeben, die er mir vor Innsbruck reichen sollte.
Samstags bin ich die Strecke zusammen mit Markus (einem Mitglied aus einem Internetradforum) abgefahren. Der Hammer war die Auffahrt von Ötz zum Kühtai. Hier sind 1165 HM (Höhenmeter) mit bis zu 17,5% Steigung zu überwinden. Immer wieder Rampen, Rampen, Rampen. Ich dachte mir: „Wenn ich das schaffe, schaffe ich den Rest auch noch“. Der nächste Hügel war der Brenner. Aber der ist kaum der Rede wert (605 HM). Der ist überwiegend flach. Dann kam der Jaufenpass (1075 HM). Schöne gleichmäßige Steigung. Die Abfahrt vom Jaufenpass, schien uns aber sehr Bremsen verschleißend. Viele Kurven. Daher habe ich mir sicherheitshalber noch ein paar Bremsbelege mitgenommen. Besonders im Regen ist der Verschleiß hoch. Als letztes das Timmelsjoch (1774 HM) und 29 km. Es nahm kein Ende. Gegen Ende nochmal 14% Steigung. Nach der Passhöhe Timmelsjoch, kam nach kurzer Abfahrt nochmal ein kurzer Anstieg von 220 HM zur Mautstation. Danach nur noch bergab nach Sölden. Die Strecke war zu großen Teilen für den Verkehr gesperrt. Das versprach Freude bei den Abfahrten.
Abends war dann das Treffen mit anderen Teilnehmern des Internetforums. Es gab eigentlich nur zwei Themen. Was zieh ich an und wie wird das Wetter. Vorausgesagt waren gelegentliche Schauer aber auch trockene Abschnitte. Ich habe noch den Tipp bekommen, Latexhandschuhe über die Fingerhandschuhe zu ziehen. Dadurch sind sie vor Regen und Wind geschützt und es bleibt recht warm darunter.
Am Samstagabend bin ich dann um 21:00 Uhr in meinen Bus und habe alles für den Morgen zurechtgelegt. Um 21:30 Uhr hingelegt und noch ein bisschen gelesen und um 22:00 Uhr eingeschlafen. Im ganzen Ort war es ruhig. Wecker auf 4:30 Uhr gestellt.
Um 4:20 Uhr wach ich auf. Toilette, Frühstücken (Kohlenhydrate), noch ein bisschen lesen und anziehen. Um 5:40 Uhr sind Markus und ich in die Startaufstellung. Als Markus nochmal kurz austreten war, habe ich mal sein Rad hochgehoben. Da bekomme ich doch glatt das große Heulen. Das wog vielleicht 6 kg. Meines eher 10 kg. Habe halt noch ein altes Stahlrad. Start um 6:30 Uhr. Es geht die ersten 30 km erstmal 500 HM bergab von Sölden nach Ötz. Da wurde vorne gleich ordentlich rein getreten und man wird einfach mitgerissen. Die 30 km wurden dann auch gleich mal mit einem Schnitt von 48 km/h zurückgelegt. Dann in Ötz rechts rum und vom 20sten in den ersten Gang geschaltet. Ich wollte am Kühtai auf keinen Fall schon in den roten Bereich fahren und habe mich daher etwas zurückgehalten. Oben hatte ich wohl 24 min Rückstand auf die Spitze. Damit war ich schon recht zufrieden. Ich hatte beim Start 3 Trinkflaschen mit 0,8 l dabei. Drinnen waren je 120 g Maltodextrin (Kohlenhydrate) und Kochsalz (Natrium, sonst Krämpfe). Mit den drei Flaschen wollte ich bis nach Innsbruck zum vereinbarten Treffpunkt mit Kurt. Daher habe ich, wie geplant, die Verpflegung auf dem Kühtai ausgelassen und bin gleich in die Abfahrt gestochen. Die Regenjacke, als Schutz vor der Kälte hab ich ausgelassen (bremst nur). Es kam mir auch nicht wirklich kalt vor. Und bei der Adrenalinausschüttung durch die Abfahrt, spürt man sowieso nichts. Das Erlebnis wird unvergessen bleiben. Es fängt an mit einer langen geraden in einen Tunnel (ausreichend Hell). Da hatte ich 93 km/h drauf. Die Straße war etwas feucht. Weiter unten kam nochmal ein Steilstück mit 16% Gefälle. 97 km/h. Da oben ist auch offene Weide. Da laufen schon mal Kühe auf der Straße. Das Vergnügen hatte ich auch einmal. Man fährt auf einmal mit 70 km/h auf eine Kuh zu. Zum Glück neigen Kühe nicht zu Hektik und so kann man doch noch ohne Probleme vorbei fahren.
Treffpunkt mit Kurt: Ich hatte Kurt am Samstagabend noch einen SMS geschickt, dass ich zwischen 9:00 und 9:30 Uhr am vereinbarten Treffpunkt sein werde. Ich simmste zurück, ich sollte mir keine Gedanken machen, er steht auf jeden Fall dort und ich soll auf der Abfahrt schön meine Reste aus den Flaschen all trinken. Habe ich auch gemacht. Ich komme also zum Treffpunkt und lasse mich aus dem Ende der Gruppe fallen um keinen anderen zu behindern und damit Kurt mich auch sieht. Ich komme um 9:10 am Treffpunkt an. Nur Kurt war leider nicht da. Das war dann schon mal ein Schock. Nachdenken: „Was mach ich jetzt?“ Weiterfahren. Handy aus der Plastiktüte hervor holen. Leider ist es nicht so einfach mit 35-40 km/h und dicken Handschuhen, die Tastensperre (gleichzeitiges drücken von zwei Tasten) zu deaktivieren. Um nicht zu sagen: „Das geht nicht“. Handy in die Rückentasche und weiter. Meine Gruppe fuhr ca. 400 m vor mir. Die Durchfahrt von Innsbruck war nicht gesperrt. Aber durch Polizisten wurde der Verkehr angehalten und es kam nie zu Problemen. Ich prügele also alleine durch Innsbruck um wieder an meine Gruppe zu kommen. Am Anfang der Steigung zum Brenner bin ich dann wieder rangekommen. Die Gruppe lief super und ich konnte hinten gut mitfahren. Als es dann gerade so gut lief, rief Kurt an. Ich das Handy wieder raus. Er hat in der Liste mit den voraussichtlichen Durchgangszeiten 9:40 Uhr gelesen. Tja lieber Kurt. Da musst Du wohl noch auf Winterzeit stehen. In der Liste steht 8:40 in Völs. Nach kurzer Diskussion wollte er zum Brenner hochfahren um mir dort die drei Flaschen zu geben. Da mir Autos den Brenner runter entgegenkamen, nahm ich an, dass die Straße vom Brenner nach Innsbruck nicht gesperrt war. Er sollte mir dann entgegenfahren. Leider war die Abfahrt von der Brennerautobahn gesperrt. Also rief mich Kurt wieder an, dass er versucht nach Sterzing (nach der Abfahrt vom Brenner) zu kommen. Nach der ganzen Telefoniererei hatte ich meine Gruppe natürlich längst (wieder) verloren. Und gerade am Brenner ist es besonders wichtig, da viele Flache Stücke drin sind und man hier richtig mit Tempo drüber fahren kann. Falls es noch niemandem aufgefallen ist: Ich bin die ganze Zeit ohne Trinken und ohne Zufuhr von Kohlenhydrate gefahren. Und zwar ca. 90 min. Ich habe versucht meine Gruppe zu erreichen, aber 200 m Lücke schließt man alleine nicht. Ich hatte dann zwar zwei Fahrer die zurückgefallen sind im Schlepptau, aber die konnten mir auch nicht viel helfen. Am Brenner angekommen, bin ich dann zur Verpflegung und hab 0,5 l Cola getrunken und meine drei Flaschen mit Pfirsich-Eistee gefüllt. Der hat aber nicht Kohlenhydrate. Ab in die Abfahrt vom Brenner. Die ist auch relativ flach und daher ist nichts mit ausruhen. Eine richtige Gruppe hatte ich auch nicht. Geplant war ja die Verpflegung am Brenner auszulassen, da ich ja in Innsbruck drei neue Flaschen hätte bekommen sollen. In Sterzing war Kurt dann am Kreisel. Drei Flaschen raus, drei rein. Tausendmal Sorry. Naja. Ich fühlte mich gut und mit ein bisschen Wut im Bauch, fährt es sich ja auch gleich schneller. Ab in den Anstieg zum Jaufenpass. 16 km. Ich war gut drauf und wollte wieder bis knapp an den roten Bereich (ca. 90% der maximalen Herzfrequenz) gehen. Ich merkte aber gleich, dass das nicht geht. Am Anfang kam ich auf 84% und das viel dann bis zum Ende des Jaufenpasses auf 80%. Ich konnte mir das nicht erklären. Ich habe einfach keinen Druck aufs Pedal bekommen. Es wurde immer schwieriger. Die Atemfrequenz war aber recht hoch. Somit schloss ich es aus, dass mein Kopf einfach nicht wollte. So habe ich mich Stück für Stück hoch gequält. Teilweise bin ich nur noch 6 km/h gefahren. Viel langsamer geht es kaum, sonst fällt man um. Ich wurde nur überholt. Kämpfen, kämpfen. Hier macht zum Glück keiner dumme Sprüche. Den hätte ich sonst wahrscheinlich vom Rad geholt. Kurz vor dem Pass, habe ich beschlossen: „Hier steigst du gleich aus. Das Timmelsjoch kommst Du so nie mehr hoch“. Auf dem Pass zwickte es dann auch noch in den Oberschenkeln. Ich dachte schon: „Jetzt kriegst Du auch noch Krämpfe“. Aber es wohl dich nur ein kurzes Zucken, als ich oben am Pass die Belastung raus genommen habe. Ich weiß nicht genau warum, aber irgendwie bin ich dann doch zur Verpflegung gerollt und habe mir meine leere Flasche mit Sprite aufgefüllt. Ich dachte mir: „Die Abfahrt hast Du Dir wenigstens noch verdient“. Obwohl die Abfahrt mit dem Auto keinen Spaß machte, war es mit dem Fahrrad einfach nur geil. Es geht nicht zu steil runter und man kann durch die Kurven stechen und braucht sich keine Gedanken um entgegenkommenden Verkehr machen. Von daher war Bremsenverschleiß auch kein Problem. Unten in Sankt Leonhard ging es dann gleich in den Anstieg zum Timmelsjoch. 29 km. Ich hatte keine Ahnung wie das gehen sollte. Alle halber Kilometer steht ein Schild, somit kann man sich daran orientieren. In der Mitte des Anstiegs gibt es ein Flachstück. Das war mein erster Punkt, denn ich erreichen wollte. Und er wollte und wollte nicht kommen. Irgendwann (ich glaube so bei km 17 oder 18) kam es dann endlich. Nicht das ich im Flachen auf einen dickeren Gang geschaltet hätte. Immer schön 39x27. Die Verpflegung am Flachstück hatte ich ausgelassen. Ich hatte ja noch genug zu trinken und muss ja nicht extra drei volle Flaschen die letzten Kilometer hoch schleppen. Mitten im letzten Anstieg gab es noch mal eine Getränkestation, da habe ich mir dann noch ein Dose Redbull reichen lassen. Am Ende des Flachstückes schaut man dann den Berg hoch und sieht die Serpentinen die sich steil den Berg hoch hangeln. Abschalten und weiterfahren. Ich dachte mir (dachte ich überhaupt noch): „Einfach weiter“. Ich wollte nur nicht absteigen und schieben. Obwohl das auch nicht viel langsamer gewesen wäre. Mein Puls kam schon lange nicht mehr über 75%. Kurz vor dem Pass, wurde ich auch noch von einem Mountainbiker überholt. Ich fass es nicht. Ein MTB. Und nicht etwa mit Slicks, nein grobstollige Reifen. Naja. Irgendwann war ich oben. In Ruhe die Regenjacke (wegen der Kälte, ca. 10°C), die langen Handschuhe usw. angezogen und ab in die Abfahrt. Nach ca. 400 HM Höhenverlust, ging es noch mal 220 HM hoch. Das nahm kein Ende. Aber das hat mich auch nicht mehr interessiert. Irgendwann ist schließlich jeder Berg zu Ende. Weiter bergab. Es gab dann noch mal zwei kurze flache Stücke, wo man normalerweise einfach durchdrücken würde. Aber da war nix mehr mit drücken. Mit dem Mountainbiker musste ich aber bis zum Schluss kämpfen um ihn am Ende hinter mir zu lassen. Schuss nach Sölden und noch mal konzentrieren um nicht zu schnell rechts auf die Brücke zu fahren. Und finish.
Nachdem ich mich im Zielbereich durchgewurschtelt hatte, kam mir Markus auch schon frisch geduscht entgegen. Er wollte auch unter 9:00 Std. fahren. Aufgrund eines Defektes wurde es dann aber leider 9:04. Fahrrad ins Auto und ab unter die Dusche. Finisher-Trikot abholen (dass hab ich mir (und jeder andere auch) verdient). Dann noch einen Teller Nudeln und Cola. Aber irgendwie war der Magen wohl noch nicht so weit eine größere Menge Nudeln aufzunehmen. Anschließend ab ins Auto und Richtung Innsbruck um meine drei leeren Flaschen bei Kurt abzuholen.
Wir haben dann lange über das Rennen gesprochen und vor allem über meine Probleme am Jaufenpass und Timmelsjoch. Die Analyse ergab, dass die „Unterbrechung“ der Energiezufuhr (und der Flüssigkeitszufuhr), die Glykogenspeicher in meinen Beinen wohl entleert haben. In den zwei Stunden von Innsbruck bis nach Sterzing, bei entsprechend hoher Belastung waren die Akkus halt leer. Das bisschen Cola und Eistee am Brenner haben das auch nicht rausgerissen. Die leeren Speicher füllt man auch nicht eben mal so auf. Und schon gar nicht, wenn man einen Pass hochfahren muss. Mit den drei neuen Flaschen konnte ich wenigstens ein Absinken des Blutzuckers und damit einen kapitalen Hungerast verhindern. Da die Beine leer waren, stand meinem Körper daher nur noch die Betaoxidation (Fettstoffwechsel/Fettverbrennung) zur Verfügung. Aber auch dazu braucht es Kohlenhydrate, aber die Standen ja durch meine drei neuen Flaschen zur Verfügung. Kleines Rechenbeispiel (ich hoffe es stimmt): 2 Std. relativ Hohe Belastung bedeuten ca. 1.000-1.200 kcal (500-600 kcal/Stunde). Die Oberschenkel können ca. 300 g Glykogen speichern. Macht 1.200 kcal. Also leer. Auch die hohe Atemfrequenz (oder korrekter, das Atemminutenvolumen) spricht dafür, dass ich nicht mehr wollte, sondern das einfach nicht mehr ging. Von daher muss ich mir doch mal auf die Schulter klopfen, dass ich nicht ausgestiegen bin.
Auch wenn ich mein Ziel nicht erreicht habe, gewinne ich dem Ausgang Positives ab. Das schreit nach einer Revanche. Wenn ich mir vorstelle, dass ich die beiden Pässe normalerweise mit 2-3 km/h schneller hochgefahren wäre, wäre ich problemlos unter 9:00 gefahren.
Außerdem haben mein Fahrrad und ich beschlossen für nächstes Jahr ca. 10 kg an Gewicht zu verlieren. Die Hauptlast liegt aber wohl bei mir.
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