792 km Nonstop-Tortour mit dem Rad nach Frankreich
Erschöpft aber glücklich wurden die Radler aus Hungen und Saint Bonnet de Mure von hunderten Menschen empfangen.
(RVG) In aller Frühe, nämlich um 5 Uhr wollten sie an Fronleichnam starten. So war der Wunsch der Franzosen. Nach ihrer Ankunft am Mittwochabend und in Anbetracht der positiven Windprognose (leichte Brise von Nord-Ost) verlegten sie den Start kurzfristig um eine Stunde auf 6 Uhr. Ein einziger treuer RVG-Fan war jedoch schon um 5 Uhr am Marktplatz erschienen, um die Radler auf ihre 780-nonstop-Radtour in die Partnerstadt St.-Bonnet de mure bei Lyon zu verabschieden. Er harrte eine ganze Stunde aus.
Beim Start: Die Hungener Carsten Beinecke (links), Norman Freitag (Vordergrund) und Carsten Butteron (2.v.r.)
Es war schon fast halb sieben, als die 4 Franzosen mit dem Vorsitzenden des RV-Germania Carsten Butteron, dem Vorstandsmitglied Carsten Beinecke sowie dem Extremradsportler Norman Freitag an der Spitze dann endlich mit ihren Rennmaschinen aufbrachen. Begleitet wurden sie auf den ersten 70 Kilometern vom 2. Vorsitzenden des RV-Germania, Hartmut Wolf. Über Friedberg und Karben ging es mitten durch das Rhein-Main-Gebiet. Trotz vieler Ampeln in Frankfurt und Offenbach kam man zügig mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über 30 km/h voran, die auch nach 352 KM bis zur etwas grösseren Pause am Abend noch gehalten werden konnte. Um 21.30h ging es dann beleuchtet und mit Warnwesten ausgestattet, weiter. Einige blinkten wie Weihnachtsbäume, was aber auch wichtig war, denn wer rechnet nachts auf der Hauptstraße mit eine Gruppe Radfahrern?
Da die Hungener mit GPS und speziellen Rad-Navigationsgeräten ausgerüstet waren, kam man kein einziges Mal von der geplanten Tour ab. Dies sollte sich ändern, als sich die Franzosen nach ca. 450 Kilometer lieber auf ihre Landkarte verließen. Kopfschüttelnd folgten die Hungener mit dem Ergebnis, dass sich die gesamte Gruppe ordentlich verfuhr. Dies wiederholte sich noch einmal, bis die französischen Freunde sich endgültig der modernen (deutschen) Wegweisung fügten. Nachts war es mit bis zu 7 Grad empfindlich kalt und trotz Redbull kroch die Müdigkeit den Radlern so nach und nach in die Knochen. Nach dem Motto „jetzt verlassen wir die Komfortzone“ zollten sie der hohen Anfangsgeschwindigkeit Tribut. Der Wind kam schön längst nicht mehr von hinten und nachdem die ersten 500 KM noch relativ flach waren, kamen jetzt die ersten Wellen. Aber sie waren den Radlern willkommen, denn bergauf wurde es einem wieder warm und im Wiegetritt hatte das Hinterteil Gelegenheit, sich etwas zu erholen.
Voller Sehnsucht hielten die Radler und das zweiköpfige Servisteam nach einer Bäckerei Ausschau und freuten sich stundenlang auf heißen Kaffee und frische Croissants. Als um 8.15 h in einem kleinen Dorf ein winziger Backwarenladen auftauchte war die Enttäuschung groß: Ein einziges Hörnchen war noch da! Erst 4 Stunden später stürmte der Vorsitzende des RVG, Carsten Butteron überfallartig mit Helm und Sonnenbrille bekleidet, eine Bäckerei und versorgte die Gruppe mit noch warmem Gebäck.
Inzwischen hatte auch die Sonne Gefallen an den Radlern entdeckt, denn sie stach vom Himmel als wollte sie sich für die kühle Nacht entschuldigen. Dass es im Jura bucklig ist, war den Marathonmännern bekannt aber ab dem malerischen Örtchen Dole, sollte es flacher werden. Dies stellte sich als Trugschluß heraus, denn das Navi führte die Akteuren über unzählige Anstiege. Am Ende zeigte sich, dass die letzten 300 KM fast ohne Unterbrechung nur hoch und runter gingen und die letzten Kräfte aus den Beinen zogen. Da war man froh, als ca. 70 KM vor dem Ziel eine ca. 15-köpfige Radgruppe vom befreundeten Verein Etoile-cycliste-muroise die Langstreckenfahrer begrüßte und sich vor die deutschen Anführer spannte, die dann auch einmal Windschattenfahren genießen durfte.
Letztendlich hatte man immer noch einen stolzen Durchschnitt von fast 28 km/h, als man die Ortseinfahrt von St.-Bonnet durchfuhr. Dann kam pures Gänsehaut-Feeling: Die ca. 100-köpfige Hungener Delegation, bestehend aus Vertretern des Partnerschaftsvereins, Tanzclub, mehreren Sportvereinen und politischen Vertretern Hungens waren am selben Tag angereist und bescherten den Radlern zusammen mit etwa 200 Franzosen einen berauschenden Empfang. Die Radler kannten das schon aus dem letzten Jahr, als sie – ebenfalls nonstop, nach 782 KM in Hungen zum Brunnenfest einfuhren und fulminant begrüßt wurden.
Vergessen waren die Anstrengungen, als die Akteure wie Helden gefeiert und geehrt wurden. Man war erschöpft aber glücklich, auch darüber, dass es keinen einzigen Defekt und keinen Sturz gab. Das Rad wollte aber vorerst keiner mehr sehen. Bis auf einen: Norman Freitag, mit 35 Jahren Jüngster in der Truppe, legte schon Distanzen von über 1.300 KM nonstop zurück. Er fuhr am nächsten Tag 30 Km durch die Gegend, um die Beine etwas auszuschütteln. Kopfschüttelnd quittierten dies die Franzosen, machten aber bereits am Abend die nächste Pläne: Hungen-St.-Bonnet und zurück. Nonstop 1.600 Kilometer. Ob dies im (Glücks-)Rausch dahergesagt wurde, wird sich zeigen. Die Deutschen fingen bereits zu überlegen an, die Streckenführung zu optimieren.
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