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Besichtigung der Baumaßnahmen für die Ortsumgehung Hungen

Am Mittwoch, den 26. Oktober 2005, informierte das Amt für Straßen- und Verkehrswesen Schotten (ASV) im Rahmen einer öffentlichen Baustellenbesichtigung über die Verfüllung alter Bergwerksstollen im Trassenverlauf der Ortsumgehung Hungen. Gekommen waren Vertreter der an Planung und Bau beteiligten Fachbehörden, der städtischen Gremien sowie interessierte Bürgerinnen und Bürger.

Egon Weß, Projektmanager im ASV Schotten, gab zuerst einen Überblick über den Baufortschritt der Gesamtbaumaßnahme. Seit dem offiziellen Beginn der Baumaßnahmen im August wird mittlerweile auf der gesamten Ortsumgehungsstraße gebaut.


Der Oberboden ist abgeschoben und seitlich gelagert, die provisorischen Baustraßen sind hergestellt, die Arbeiten an den geplanten Widerlagern für fünf neue Brückenbauwerke haben seit geraumer Zeit begonnen und die eigentlichen Bodenbewegungen werden in zunehmenden Maße in Angriff genommen.

Das sehr ambitionierte Ziel ist es nach wie vor, das rund 12 Millionen €uro teure Projekt bis Ende nächsten Jahres weitgehend fertig zu stellen.

Der Grund der Baustellenbesichtigung waren jedoch nicht diese Bauarbeiten, sondern die laufenden Arbeiten zur Verfüllung von Stollen des Altbergbaus. Weß freute sich daher, dass sich einige der am Projekt beteiligten Experten bereit erklärt hatten, den Anwesenden den Hintergrund und die Durchführung dieser Arbeiten zu erläutern.



Dr. Yvonne Binard-Kühnel, Leiterin der Bau- und Bodenprüfstelle Wetzlar, referierte über die Baugrundtechnische Aufgabenstellung und zu den Überlegungen aus dem Planungsprozess. Unterschiedliche Lösungsansätze mussten gegeneinander abgewogen werden, um mit einem finanziell vertretbaren Aufwand ein Höchstmaß an Sicherheit für die Absicherung der Fahrbahndecke bei den gegebenen Bodenverhältnissen zu erreichen.

Herr Franz, Dezernat Bergbauaufsicht des Regierungspräsidiums Gießen, berichtete über den historischen Bergbau in Hungen und seine Entwicklung bis in die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.






Herr Jurga, Büro DMT, Essen leitete die Baustellenführung und informierte die Zuhörer über die bautechnische Abwicklung des Unternehmens.


Besonderes Interesse fand dabei eine Demonstration einer ferngesteuerten Kamera, die über die Bohrungen in die Hohlräume unter dem Gelände eingebracht wurde.

Die Vertreter der vor Ort tätigen Baufirmen, der Firma Bickhardt Bau und der Firma Keller Grundbau, standen während der Führung für Fragen zur Verfügung.

Durch den Bergbau in Hungen wurden seit dem 19. Jahrhundert eisenhaltige Basalte untertage und im Tagebaubetrieb bis zum Jahre 1963 abgebaut. Deshalb mussten bereits bei der Planung der neuen Ortsumgehungsstraße bei der Erkundung des Baugrundes ein besonderes Augenmerk auf Relikte dieser Bergbauzeit gelegt werden. Es galt nicht nur die stark schwankenden geologischen Verhältnisse zu erfassen, sondern auch die Lage von Stollen und Schächten, von wiederverfüllten Flächen des Tagebaus und von sog. Schlammteichen zu ermitteln. Hierzu wurden Pläne im Dezernat Bergaufsicht des RP Gießens eingesehen und Akten studiert, Bohrungen unterschiedlicher Durchmesser abgeteuft sowie die angetroffenen Hohlräume mit einer Kamerabefahrung besichtigt und eingemessen.



Altstollen verstürzen im Lauf der Zeit und pausen sich u. U. bis an die Erdoberfläche durch. Im Feldheimer Wald zeugen Einbruchtrichter mit Durchmessern von bis zu 12 Metern von solchen Vorgängen. Die Stollensohle wurde in Tiefen zwischen 13 und 20 m, Schächte sogar bis 30 m Tiefe unter der Geländeoberkante angetroffen.

Schlammteiche besitzen wegen des eingeschlämmten feinkörnigen Bodens als Rückstand der Eisenerzgewinnung ein verändertes bodenmechanisches Verhalten, ebenso verfüllte Tagebaubereiche.



Die Voraussetzungen für den Bau der Bundesstraße müssen also abschnittweise geschaffen erst werden. Dies erfolgt durch das "Verwahren" der Stollen und das Einbringen von "Geopiersäulen" im ehemaligen Tagebaubereich. Die Länge des Straßenabschnitts, bei dem das darunter liegende Stollensystem verwahrt werden muss, beträgt insgesamt über 250 Meter.

Das Verwahren der Stollen erfolgt mit einem speziellen Kalksteinmehl-Zementgemisch, welches keine eluierbaren Abfallprodukte (Stoffe, die ausgewaschen werden könnten, wie z.B. Flugasche oder Tiermehl) enthält und das für die Verwendung in Wasserschutzzonen geprüft und geeignet ist. Unbedenklichkeitsuntersuchungen für die in den Untergrund eingebrachten Materialien wurden vom Amt für Straßen- und Verkehrswesen Schotten gefordert und werden baubegleitend durch die Baustoff- und Bodenprüfstelle Wetzlar durchgeführt. Insgesamt wird die Firma "Keller Grundbau" ca. 4.600 m³ in das alte Stollensystem unterhalb der Straßentrasse bringen. Die Kosten dieser Sicherungsmaßnahme betragen rund 500.000,- €uro.

Da es nie ganz sicher ist, dass alle Hohlräume beim Verfahren erreicht werden, wird unmittelbar unterhalb des Fahrbahnaufbaus zusätzlich eine bewehrte Schutzplatte eingebaut, die bei Nachbrechen des Untergrundes Verformungen aufnehmen kann.

Diese Schutzplatte besteht aus bewehrtem Beton. Über den sogenannten Geopiersäulen, die im ehemaligen Tagebaubereich eingebracht werden, wird an der Dammsohle eine Konstruktion aus einem geogitterbewehrtem Polster aufgebaut, das die Setzungsunterschiede für den Damm unschädlich aufnehmen kann.

Das Amt für Straßen- und Verkehrswesen Schotten hat mit der Wahl der Kombination aus Verwahren und Ertüchtigen des Untergrundes und Überbauen mit einer Schutzplatte in Höhe des Feldheimer Waldes sowie einem geogitterbewehrtem Polster unter dem Damm im Osten der Trasse (oberhalb der Moha) ein Sicherungssystem gewählt, das die geforderte Sicherheit gewährleistet und gegenüber herkömmlichen Lösungen (z. B. Beton- oder Kiespfähle) deutlich kostengünstiger ist. Auch der Gießener Anzeiger hat dem Thema einen ausführlichen Bericht gewidmet: "Zwänge der Trassenführung kollidieren mit altem Bergbau".

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