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Bürgerversammlung zum neuen Abfallsystem brachte Überraschendes ans Licht

Jetzt hat auch Hungen seinen Müllskandal. Die Informationsveranstaltung am Dienstag Abend in der Stadthalle brachte es an den Tag: Über Jahre hinweg haben viele Hungener zumindest einen Teil ihres Mülls illegal entsorgt.

Gut vorbereitet und rhetorisch topp fit fanden sich am Dienstag Abend Vertreter des Landkreises und der AC Abfall Consult GmbH, einem vom Landkreis Gießen und der ZAUG getragenen Unternehmen, in der Stadthalle Hungen ein. Man hatte ein Konzept mitgebracht, das etwa heißen könnte: Wie vermittele ich den Menschen möglichst schonend, dass sie in der Vergangenheit zu nachlässig und gedankenlos mit ihrem Müll umgegangen sind, und dass es nun nicht mehr anders geht und sie ihn auch endlich bezahlen müssen.





Lektion 1 - Erweckung des sozialen Gewissens.
(Ein Gewissen wird für gewöhnlich dann wach, wenn man sich schuldig fühlt. Ein Vortragender sollte daher auch stets einige grundlegende Regeln der Psychologie beherzigen, wenn er bei seinem Publikum ein konkretes Ziel erreichen möchte. - Die Vertreter von ZAUG und Landkreis hatten ihre Hausaufgaben gemacht!)

Als das heutige Abfallsystem vor ca. zwei Jahrzehnten entstand, hatte man pro Person ein geschätztes wöchentliches Restmüllaufkommen von 20 Litern zu Grunde gelegt. Aus Kostengründen und zur Vereinfachung erhielt aber jedes Grundstück eine 240 Liter Tonne, die 14-tägig geleert wurde. Dies galt für bis zu sechs Bewohnern, erst ab der siebten Person auf einem Grundstück wurde eine weitere Tonne zugeteilt. (Die größten Lasten dieses Systems hatte also eine sechsköpfige Familie zu tragen.) Rein rechtlich verhielt es sich aber - laut Peter Momper - so: Ein 1-Personen Haushalt konnte zwar alle 14 Tage seine graue 240-Liter Tonne zur Leerung rausstellen, diese durfte jedoch nur mit 40 Litern Restmüll befüllt sein. Alles darüber war illegal, weil nicht bezahlt. Nur geprüft hat das keiner.

In den Ohren der Zuhörer klangen die Worte des Geschäftsführers der AC Abfall Consult GmbH, Herrn Peter Momper noch lange nach. Nur 20 Liter Restmüll pro Person und Woche hätten wir in den vergangenen 20 Jahren in die große graue Tonne werfen dürfen. Für mehr war nicht bezahlt; mehr war nicht erlaubt! Und wir alle haben dagegen verstoßen. Rund 90 cm ist der Füllraum einer 240 Liter Tonne hoch. 1/6 davon, also 40 Liter, standen einer Einzelperson zu. Mit anderen Worten, die Tonne durfte jeweils nur 15 cm hoch befüllt sein! Sie haben da mehr reingeworfen? So halb voll sei sie schon immer gewesen? Jetzt sagen Sie bloß nicht, Sie hätten nicht gewusst, dass Sie das nicht dürfen! - Bleibt die Frage, ob es sich bei unseren Vergehen in der Vergangenheit nur um eine Ordnungswidrigkeit oder gar um einen Straftatbestand (Betrug) handelte? Wir alle haben jetzt ein schlechtes Gewissen und freuen uns auf die kommenden klaren Regelungen, wo jeder ganz gerecht nach dem Verursacherprinzip zur Kasse gebeten wird.

Nach der erfolgreichen Umsetzung der Rechtschreibreform wird nun auch eine neue Disziplin in der Mathematik bei uns eingeführt. Erste Beispiele wurden präsentiert.
Mit einem solch schlechten Gewissen ausgerüstet konnten die Zuhörer nun zur zweiten Lektion geführt werden, dem Schönrechnen. Jeder, der etwas verkaufen möchte, das ein anderer gar nicht zu brauchen glaubt, muss diesem zunächst einmal nur die finanziellen Vorteile vorrechnen, die ihm durch das angebotene Geschäft zuteil würden. Ein 1-, 2-, 3- oder 4-Personen Haushalt kann soundsoviel sparen, wenn er diese oder jene Kombination der Müllentsorgung wählt. Doch was, Herr Momper würden Sie im Laden sagen (im Einkaufen kennen Sie sich ja nach eigenen Worten als langjähriger Hausmann aus), wenn man Ihnen statt der 500 Gramm Packung Nudeln für 99 Cent nun die 200 Gramm Packung für 79 Cent anbietet und Ihnen dazu noch erklären möchte, dass Sie damit ja einen 20-prozentigen Preisvorteil erhielten? - Kommen Sie, die 500 Gramm waren vorher nun mal in der Packung und die große Tonne stand vor der Tür!

Verstehen Sie jetzt den Unmut Ihrer Zuhörer? Was wir brauchten war doch Aufklärung über den Sinn und Hintergrund der notwendigen Maßnahmen im Bereich der Müllentsorgung. Es ist ja nur richtig, dass wir unseren Dreck nicht mehr einfach vergraben dürfen. Und dass uns eine umweltgerechte Entsorgung Geld kosten würde, war auch klar. Sagen wir doch einfach, wie es ist. Wer Müll verursacht muss auch für die Entsorgung aufkommen. Punkt.

Haben Sie Lust, noch ein bisschen nachzurechnen? Dann kommen Sie einfach mal mit!

Aber es gab auch konkrete Fragen zum Umgang mit dem neuen Abfallsystem.
Etwa diese: "Muss ich denn jetzt meine Mülltonnen mit dem Baseballschläger gegen andere Hausbewohner verteidigen?" Der Referent war sichtlich froh, auch einmal eine praktische Frage beantworten zu dürfen. Nein, das sei nicht nötig, man könne etwa auch seine Mülltonnen mit einem Vorhängeschloss gegen unbefugte Nutzung sichern.

Dankbar nehmen wir solche Vorschläge entgegen!

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